1 Block: Citizen Conservation auf Fachtagung

23. September 2026In News

Im Terminkalender der Amphibien- und Reptilienkundler taucht ein Termin im Herbst in schöner Regelmäßigkeit auf: Zum 62. Mal bereits fand die Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Herpetologie und Terrarienkunde (DGHT) vom 16. bis 20. September 2026 statt, diesmal in Stuttgart. Gastgeber waren das Staatliche Museum für Naturkunde sowie der Zoologisch-Botanische Garten Wilhelma Stuttgart. Die DGHT ist eine der drei Gründerinnen und Gesellschafterinnen von Citizen Conservation, die Wilhelma gehört zu unseren langjährigen jährlichen Zuwendungsgeberinnen und ist damit eine der Ermöglicherinnen unseres Projekts, zudem engagiert sie sich auch als Teilnehmerin bei gleich mehreren Erhaltungszuchtprojekten von CC. Da ist es natürlich Ehrensache, dass wir bei dieser Fachtagung bestens vertreten und das ohnehin reichhaltige Programm ordentlich angefüttert haben.

Ein Ziel, viele Facetten

Ein ganzer Vortragsblock am Samstagvormittag drehte sich rund um Citizen Conservation und unser großes Ziel der Erhaltungszuchten für bedrohte Arten. Den Auftakt machte unser Kurator für Forschung und Zoologie, Johannes Penner, der den über hundert in den großen Hörsaal des Naturkundemuseums lauschenden Zuhörenden in unserem Update 2026 die Entwicklungen bei CC im Verlauf des letzten Jahres vorstellte. Danach ging Mitbegründer und Artmanager Heiko Werning ins lurchige Detail und stellte eines unserer Programme mitsamt der dahinterstehenden Mechanik vor: „Von der verschollenen Art zur stabilen Erhaltungszucht – die Mallorca-Geburtshelferkröte (Alytes muletensis) als Prototyp für das erste Zuchtbuch von Citizen Conservation“. Dabei spielten die Gastgeber übrigens eine prominente Rolle, denn eine der Zuchtlinien dieser bezaubernden Krötchen geht direkt auf lediglich drei vor 40 Jahren vom damaligen Direktor des Naturkundemuseums Stuttgart mitgebrachten und anschließend in der Wilhelma gezüchteten Exemplare zurück – eine eindrucksvolle Ahnenlinie über zahlreiche Generationen, bislang ohne erkennbare Inzuchtdepression und damit schon aus rein wissenschaftlicher Sicht ein bemerkenswerter Beitrag zur Kenntnis dieser nach wie vor hochgefährdeten Art.

Holger Kraus vom Zoo Zürich, der auch Mitglied unseres wissenschaftlichen Beirats ist, zeigte in seiner Präsentation „Aufbau einer Ex-situ-Population des Orangeaugenlaubfroches (Agalychnis annae)“ anschließend eindrucksvoll, wie eine gut vernetzte Zusammenarbeit von Zoos und Privathaltenden in kürzester Zeit ein komplettes Erhaltungszuchtprogramm für eine gefährdete Art aus dem Boden stampfen kann: aus beschlagnahmten eingeschmuggelten Eiern und Kaulquappen dieses wunderschönen Baumfroschs aus Costa Rica konnte der Zoo Zuchtgruppen bilden, die nach nur einem Jahr selbst für Nachwuchs sorgten und anschließend über CC an über ein dutzend Haltende verteilt wurden – und so hoffentlich den Grundstock für eine langjährige Erhaltungszucht legen.

DGHT-Vizepräsident Christian Bittner gab ein Update zu seinem letztjährigen Vortrag über seine Erfahrungen in der Nachzucht des Titicaca-Riesenfroschs (Telmatobius culeus). Unter anderem ist ihm erstmals gelungen, die Rufe dieses aquatisch lebenden, skurrilen Froschlurchs aufzuzeichnen.

CC-Beirat Fabian Schmidt, Kurator im Zoo Basel, stellte die zwischenzeitlich schon ausgestorben geglaubte Rio-Pescado-Harlekinkröte (Atelopus balios) sowie die neu in CC aufgenommene Sakishima-Langschwanzeidechse (Takydromus dorsalis) vor. Beide Arten werden vom Zoo sehr erfolgreich nachgezüchtet, der sich auch ansonsten intensiv für CC engagiert und in seinem Masterplan partizipative Räumlichkeiten für CC-Teilnehmende plant, basierend auf den traditionsreichen Erfahrungen mit Bürgerbeteiligung im Kinderzoo des „Zolli“. Und weil es bis zu dessen Realisierung noch ein gutes Weilchen dauern wird, plant der Zoo eine Zwischennutzung des Areals durch eigene CC-Container. Ein herausragendes Projekt! Ebenfalls herausragend ist das Alpensalamander-Kompetenzzentrum, das CC zur Rettung hoch bedrohter Unterarten des „Lurchs des Jahres 2026“ initiiert hat und für die wir Haltungseinrichtungen in der Wildtierauffangstation Sachsenhagen finanziert haben. CC-Mitarbeiter Uwe Seidel stellte das ambitionierte Projekt vor. Zum Abschluss des Reigens folgte noch Nicolas Chalwatzis, der über seine hart errungenen Erfolge mit der Haltung und Zucht des Cielito-Dreistreifenbaumsteigers berichtete, einem stark bedrohten Pfeilgiftfrosch aus Ecuador, der sich in der Haltung etwas überraschend als durchaus harte Nuss herausgestellt hat.

Von der Strumpfbandnatter bis zum Fransenbein-Laubfrosch – CC ist überall dabei

Aber auch jenseits dieses Programmblocks konnten die rund 250 Tagungsteilnehmenden immer wieder auf CC stoßen. Beirat Karl-Heinz Jungfer berichtete am Wissenschaftstag der Tagung über seine im Terrarium getätigten spektakulären Beobachtungen zur Brutpflege des San-Martín-Fransenbeinlaubfroschs (Ecnomiohyla valancifer), der inzwischen auch in unserem Erhaltungszuchtprogramm seine erstaunlichen Eierwürfe mit dem Hinterfuß ebenso zeigt wie seine außergewöhnliche Kaulquappenfütterung. Wilhelma-Direktor Thomas Kölpin stellte bei seinem großen Abendvortrag die inzwischen mit einem jährlichen Millionenbudget ausgestatteten Artenschutzprojekte des Zoologisch-Botanischen Gartens Stuttgart vor – zu denen auch die Unterstützung von CC gehört. Hier stand besonders die in diesem Sommer neu errichtete Anlage für die stark gefährdeten, in CC betreuten San-Francisco-Strumpfbandnattern (Thamnophis sirtalis tetrataenia) im Fokus, die bei einem selbstverständlich zum Tagungsprogramm gehörenden Besuch der Wilhelma gleich selbst in Augenschein genommen werden konnten, ebenso wie die Mangarahara-Buntbarsche (Ptychochromis insolitus), die die stimmungsvolle fischige Abendbegleitung für das große Abschlussdiner der Tagung im dortigen Aquarien-Terrarien-Haus bildeten.

Dass daneben natürlich zahlreiche intensive Gespräche zwischen den Fachleuten bis tief in die Nacht dazugehören, ist ja schöne Selbstverständlichkeit – dass sich dabei aber auch gleich mehrere neue Teilnehmende für einige unserer Erhaltungszuchtprogramme gefunden haben, war das Sahnehäubchen auf dieser erfolgreichen Veranstaltung.

Und für uns als Berliner war es zudem Trost und Ermutigung zugleich, die ausufernde Dauerbaustelle des Bahnhofs Stuttgart 21 zu durchwandern – so schlecht stehen wir mit unserem Flughafen BER dann im Vergleich doch gar nicht da …

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